Zu Sarrazins Buch kann man Positives sagen und Negatives sagen, Klärendes ist auf jeden Fall fällig.
Seine Feststellungen und Anmerkungen im Buch besonders
zur Entwicklung der Löhne, zur einfachen Arbeit, zum Problem Lohngefälle bei globalem Arbeitsmarkt,
zur gezielten Zuwanderung, zur Solidarität, die in der Schule gelernt und gelebt werden muss, zum Problem häufigen Lehrerwechsels, zur Bewegung und zum Sport, zur Unverzichtbarkeit von Ganztagsangeboten bei Krippe, Kita und Schule, zur Begleitung von Kindern aus bildungsfernen Familien, zur Bedeutung bundeseinheitlicher Vorgehensweise bei Schulzielen, zur Bedeutung der Landessprache,
zum Verhältnis Wachstum und Verteilung, zur relativen Armut, zur Bedeutung produzierender Wirtschaft,
zur Relativität von Gerechtigkeit und Gleichheit, zur Bedeutung kultureller Evolution, zum Fördern und Fordern überhaupt, zur Schwierigkeit des Aufstiegs bei veränderten Rahmenbedingungen, zur absoluten Priorität staatlichen Rechts vor religiös abgeleitetem, zu Isolation und Integration, zur weitgehenden Bildbarkeit des menschlichen Geistes, die nicht vernachlässigt werden darf,
zu vielen sachlich korrekten Daten und Tabellen, -
das alles ist interessant, überwiegend zutreffend, wenn auch weitgehend nicht neu, sondern in der politischen Debatte alltäglich.
Man darf es zusammenfassend als informativ, vorausschauend, mutig, hinreichend komplex, anregend, auch partiell zielführend bezeichnen.
Thematische Lücken, die er in dem unnötig langen Buch in der Problembeschreibung lässt, fallen auf. Das ließe sich nachholen.
Gegen diese freundlich-neutralen Aspekte stehen diejenigen seiner Feststellungen und Anmerkungen, die man mit Deutlichkeit deutsch-national, völkisch orientiert, europa-vergessen, islamkritisch, gen-gläubig, intelligenz-fetischistisch, zynisch und schwadronierend nennen darf, - kurz: anti-aufklärerisch, ziemlich dumpf.
Alles in allem ist seine Botschaft nicht einfach problematisch und eine markante auffällige Positionierung, sondern sie ist unbrauchbar für eine verantwortungsvolle Politik.
Das gilt auch für die narzistische Art, Pappkameraden angeblicher Diskussion-verweigerung aufzubauen, um dann um so krasser den Enttabuisierer geben zu können. Verboten ist so etwas nicht, aber auch nicht sympathisch und nicht solidarisch gegenüber allen, die an den Aufgaben arbeiten (- und vieles auch erfolgreich voranbringen, was denn doch mal gesagt sein muss!).
Es fehlt Sarrazin in dem Buch der Wille zum Fortschritt, der sich mit den Gesetzen des Urwaldes nicht abfindet. Es fehlt der Anspruch des aufgeklärten liberalen und demokratischen Geistes, der auf Gleichwertigkeit aller Menschen besteht und der sich von Rückschritten nicht entmutigen lässt.
Wer sich aufs Grundgesetz als unsere Leitkultur beruft, kann das alles nicht als politische Maxime hinnehmen. Genug damit dazu.
Lassen wir also Sarrazin als erfolgreichen Provokateur in der Landschaft stehen und konzentrieren wir uns auf die drängenden Fragen, von denen einige –nicht alle- bei ihm vorkommen. Das Land wird auf seinen konstruktiven Beitrag vergeblich warten.
Dass Sarrazin wichtige Themen so behandelt und dass er Thesen verkündet, die problematisch sind, darf jedenfalls nicht dazu führen, die Themen vorerst unbehandelt zu lassen. Denn die Zeit drängt. Und es sind nicht seine Themen, sondern die des Landes.